Was ist Wahrheit?

Gedanken eines Mathematikers

Arnold Neumaier
Universität Wien

Sachliche und persönliche Wahrheit

Wir wollen nicht vergeblich leben. Wenn wir alt geworden sind und auf unser Leben zurückblicken, wollen wir nicht sagen müssen: Es ist alles umsonst gewesen, gleichgültig oder zufällig. Wir wollen sagen können: Ich habe es gut gemacht. Ich war erfolgreich. Ich habe getan, was wert war, getan zu werden. Um dahin kommen zu können, brauchen wir Wahrheit - also das, was nötig ist, um wirksam zu sein.

Wenn der Begriff Wahrheit fällt, denken viele an sachliche Wahrheit: das, was von den Umständen unabhängig ist, regelmäßig, wiederholbar und objektivierbar; das, was die Naturwissenschaft studiert. Der Apostel Paulus sagt einmal: ``Prüfet alles, und das Gute behaltet'' (1. Thess. 5:21). Genau das tun wir Naturwissenschaftler. Wir haben gelernt, zielstrebig zu prüfen durch gutangelegte Experimente, und wir haben quantitative Methoden entwickelt, das Bessere vom Schlechteren zu unterscheiden. Indem wir das Schlechte ausscheiden, sammelt sich das Gute allmählich an. Und das ist der Grund, warum wir nach 2500 Jahren wissenschaftlicher Tradition einen immer reicheren Schatz an Erfahrung haben. Daher ist die Naturwissenschaft weitgehend so objektiv, daß wir uns darauf verlassen können. Wir sehen also: die Qualität der Naturwissenschaft, die wir heute erreicht haben, liegt nicht so sehr an der sachlichen Wahrheit, sondern daran, wie das, was wir als sachliche Wahrheit ansehen, im Lauf der Zeit gesichtet und verbessert worden ist. Die Güte der erkannten Wahrheit hängt also von der Art des Umgangs damit ab.

Das zeigt einen ganz anderen Aspekt der Wahrheit, die ich als persönliche Wahrheit bezeichnen möchte; sie ist die Ursache für Qualität: Sie entscheidet, wie wir in einer konkreten Situation mit der sachliche Wahrheit umgehen. Es ist die im persönlichen Handeln zum Wirken gebrachte Wahrheit. In der Naturwissenschaft, vor allem in der Lehre, steht die sachliche Wahrheit zwar ganz im Vordergrund; in der Forschung kommt es aber, soll Qualität erreichen werden, mindestens ebensosehr auf die persönliche Wahrheit an. Daß der Begriff der Wahrheit oft nur in der Bedeutung von sachlicher Wahrheit gebraucht wird, ist eine gefährliche Einengung.

Sachliche Wahrheit kann für unser Handeln in allen Bereichen, in der sich das Wesentliche genügend regelmäßig verhält, eine Entscheidungsgrundlage liefern. Aber den Ausschlag dafür, wie wir entscheiden, gibt die persönliche Wahrheit. Das gilt nicht bloß in der Forschung, sondern erst recht für unsere Situation als Mensch: Die Aussagen, die die Naturwissenschaft zu bieten hat, sind immer nur bis zu einem gewissen Grad gültig. Jeder von uns ist einmalig, jeder ist anders als der andere. Wenn jemand versucht, uns in ein wissenschaftliches Schema zu pressen, fühlen wir uns unverstanden. Die Vorschläge, die man uns dann macht, sind lediglich Patentrezepte, die wir nicht recht anwenden können, weil unsere persönliche Situation von der Norm abweicht. Die persönliche Wahrheit liefert uns dagegen eine innere Haltung und Orientierung für unser Handeln. Sie gibt uns Kraft und ermöglicht uns, daß wir auch ungewohnte Dinge tun können, auch solche, die riskant sind oder den anderen nicht passen. Die persönliche Wahrheit liefert all das, was wir brauchen, um die sachliche Wahrheit in wirksames Handeln zu übersetzen - in Handeln, das Zukunft hat.

Wenn wir handeln, machen wir fast zwangsläufig auch Fehler. Sind diese schwerwiegend, bedrohen sie, was vorher mit Mühe konstruktiv aufgebaut wurde. Etwas gut zu machen, erfordert eine kontinuierliche Bemühung; aber ein einziger Fehler kann wieder alles verderben. Da wir viele Situationen, die wirklich einen Unterschied für unser Leben machen, nur einmal erleben, kommt es entscheidend darauf an, dann keine Fehler zu machen.

Das Problem mit der persönlichen Wahrheit ist nun gerade, daß es sich um den Umgang mit dem handelt, was immer neu und unvorhersagbar ist. Persönliche Wahrheit entzieht sich eigentlich der wissenschaftlichen Analyse, weil die Naturwissenschaft dem sich wiederholenden, dem Regelmäßigen gilt. Das hat zur Folge, daß die persönliche Wahrheit sehr viel schwieriger objektivierbar ist, daß wir mit Bildern und relativ vagen Worten beschreiben müssen, was gemeint ist. Wir müssen den Inhalt dieser Worte für uns selber in konkreten Situationen immer neu präzisieren.


Merkmale persönlicher Wahrheit

Wahrheit ist ein Begriff, der uns Orientierung geben soll, was wert ist, erworben zu werden und zu behalten. Ich will in mehreren Punkten einige wichtige Merkmale, die mir für die persönliche Wahrheit charakteristisch erscheinen, ansprechen. Vielleicht ist manches, was ich darunter einordne, ein bißchen überraschend für Sie. Aber wenn Sie darüber nachdenken, dann sehen Sie, daß das zu erfolgreicher Naturwissenschaft dazugehört - aber auch zur erfolgreichen Lebensgestaltung.

Als ersten Punkt möchte ich das Herrschen nennen. Das ist ein elementarer Trieb des Menschen: In der Hoffnung, zu erreichen, daß das, was wir wollen, geschieht, gebrauchen wir das ganze Spektrum der Möglichkeiten, Herrschaft auszuüben - vom passiven Hoffen über werbende Verführung und sanften Zwang bis zur brutalen Machtdemonstration. Und der Wunsch nach Machtsicherung und -erweiterung hat neben der reinen Freude am Wissen auch in den Naturwissenschaften immer eine große Rolle als treibende Kraft gespielt, Aber wirksame Herrschaft auszuüben erfordert, daß wir uns mit Liebe in unseren Herrschaftsbereich einfühlen können. Schließlich gibt es ja noch andere, die auch herrschen wollen und mit denen wir auskommen müssen. Gewaltregimes sind von kurzer Dauer, weil sie ihre eigene Grundlage zerstören. Ebenso ist es auch auf der sachlichen Ebene: Wenn wir Naturwissenschaft treiben, müssen wir uns einfühlen in die Materie, bis wir vertraut mit ihr sind. Mit Hau-Ruck-Rezepten kommen wir nicht weit.

Es ist wie mit jemandem, der Freundschaft mit einem Menschen schließen will: Er muß sich mit ihm so vertraut machen, bis er ihm so begegnen kann, daß der andere von sich aus freiwillig so auf einen zugeht, wie man selbst das haben will. Auf der sachlichen Ebene ist es wirklich das gleiche: Wenn wir wollen, daß ein Kristall so wächst, wie wir ihn uns wünschen, dann müssen wir uns dazu bequemen, den Kristall so zu behandeln, daß er so wachsen kann, und das erfordert, sich mit Liebe einzufühlen, um seine Art, zu wachsen kennenzulernen. Liebe ist eine sehr vielschichtige Angelegenheit, aber eines ihrer wichtigsten Kennzeichen ist, daß Liebe den Einzelfall wahrnimmt. Liebe funtioniert nicht wie eine Gießkanne, die wir über alles drüber halten können. Liebe ist auch kein Katalogsystem, in das wir alle Einzelfälle einordnen können, sondern sie nimmt das Besondere am Einzelnen wahr und berücksichtigt es im Handeln.

Als weiteren Punkt möchte ich das Dienen nennen - dienen, um zu wirken. Das Geheimnis erfolgreichen Herrschens besteht darin, daß wir dienen können, daß wir uns einordnen können in das Ganze. Zum Wirksamsein gehört nicht nur, daß wir etwas erreichen, sondern daß das, was wir erreichen, auch nach einiger Zeit noch das darstellt, was wir geplant hatten. Längerfristig sind all die Dinge zum Scheitern verurteilt, die wir ohne Rücksicht auf das Umfeld machen, in dem wir leben und arbeiten. Das Einzige, was beständig ist, ist das, womit wir der Umgebung dienen, in der wir leben, indem wir ihre Bedürfnisse erkennen und berücksichtigen.

Wenn Sie sich als junger Mensch auf Karriere programmieren, sind Sie schlecht vorbereitet für den Zeitpunkt, wo Sie nicht mehr weiter kommen, z. B. wenn alle höheren Stellen besetzt sind. Jede Karriere hat irgendwann mal ein Ende. Aber wenn Sie sich zum Ziel setzen, zu dienen, können Sie dies in jeder Position erreichen. Und wenn Sie es mal gelernt haben, werden Sie glücklicher dabei, weil dann das, was Sie erreichen, mit dem, was Sie wollen, in Übereinstimmung steht. Und vielleicht machen Sie nebenbei trotzdem Karriere, ohne sich darum gesorgt zu haben.

Zur persönlichen Wahrheit gehören Ziele, die Zukunft haben und sich nicht alle paar Tage ändern. Wir sind nicht wirksam, wenn wir uns wie Herbstlaub im Wind treiben lassen von den Einflüssen um uns herum. Wir brauchen längerfristige Perspektiven, damit wir später nicht mit dem, was wir getan haben, unzufrieden sind. Damit wir langfristig wirksam sein können, ist es auch nötig, daß wir Ausdauer und Beharrlichkeit entwickeln. Was Menschen auszeichnet, die wirksam handeln, ist, daß sie einen langen Atem haben, daß sie planen können, daß sie nicht gleich aufgeben, wenn Schwierigkeiten kommen, daß sie mit einem ziemlichen Maß an Streß fertig werden; daß sie sich nicht davon abhalten lassen, trotzdem ein Ziel zu verfolgen und die Hindernisse auf dem Weg dahin überwinden. Wir müssen abwägen können, beurteilen, werten und vergleichen, einen Ausgleich zwischen konkurrierenden Interessen finden, auch solchen, die in uns Macht gewinnen wollen.

Es gehört auch Begeisterungsfähigkeit dazu, denn ohne Begeisterungsfähigkeit erlahmen unsere inneren Kräfte, mit denen wir am Werk sind; da versiegt dann die Kreativität und das Leben wird zur Routine. Und einem Leben in Routine fehlt der wesentliche Kern der persönlichen Wahrheit, nämlich die Liebe - dann machen wir alles nach Schema F und stumpfen uns und andere ab.

Wir brauchen auch ein Gefühl für Schönheit und Harmonie. Das sind sehr wirkungsvolle Leitlinien, die uns helfen, das Beständige zu entdecken und zu entwickeln. Vielleicht gilt das in besonderem Maße in der Naturwissenschaft, wo sich die grundlegenden Prinzipien in der Physik, in der Mathematik alle durch innere Schönheit auszeichnen, durch eine Geschlossenheit und ein Zueinanderpassen. Es ist außerordentlich überraschend angesichts der Vielfalt in unserer Welt, daß ein paar Gesetze, die man auf einer Druckseite aufführen kann, zusammengenommen die ganze Welt beschreiben. Und wenn wir Einsicht in Zusammenhänge bekommen, wenn uns plötzlich ein Licht aufgeht, wie alles zusammenpaßt - das ist ein Fortschritt und ein ganz großes Erlebnis. Die Einsicht, die wir gewonnen haben, wird uns zwar bald selbstverständlich, so daß wir nicht mehr weiter darüber nachdenken. Aber während wir eine solche Einsicht erleben - das ist ein seltener Höhepunkt im Leben.

Dann brauchen wir Augen für das, was möglich ist und Augen für das, was nötig ist. Das sind zweierlei Dinge. Sehen lernen, was nötig ist, macht uns oft traurig und deprimiert - wenn wir die eigene Ohnmacht spüren, weil wir so wenig tun können. Aber es ist wichtig, das zu sehen, damit wir uns aus all dem, was zu tun nötig wäre, das aussuchen können, was wir tatsächlich tun können. Und wir brauchen auch Augen für das, was möglich ist. Oft ist das möglich, was unkonventionell ist, und oft sind Dinge möglich, die anderen unmöglich erscheinen. Denken wir nicht darüber nach, werden wir auch nichts verändern können.

Außer den Augen brauchen wir auch Ohren. Wir brauchen Ohren für andere, daß wir hören, was sie uns sagen, daß sie uns korrigieren können, weiterhelfen, uns auch Grenzen setzen. Wir brauchen Ohren, um auf Rat zu hören. Je mehr wir hören, einen umso größeren Horizont bekommen wir, und können bessere, wirksamere Entscheidungen treffen. Je nach Lage der Dinge werden wir einen Rat annehmen, abändern oder etwas Besseres daraus machen. Aber wir brauchen nicht nur Ohren, daß uns selber gedient ist, sondern auch, damit wir hören, was die anderen brauchen und merken, wie wir jemandem wirklich helfen können. Es ist unangenehm, dadurch aufzufallen, daß wir anderen unsere Hilfe überstülpen, ohne gelernt zu haben, wie man ihnen wirklich hilft.

Zur persönlichen Wahrheit gehört schließlich Leidensfähigkeit. Wenn wir sehen, was nötig ist, dann sind wir zunächst einmal niedergedrückt. Wir müssen aushalten, unter dem, was wir sehen, zu leiden und die Augen nicht zuzumachen, damit wir überhaupt erst die Dringlichkeit erleben, etwas tun zu müssen; damit wir dann aus der Kraft heraus, die die Dringlichkeit schafft, konstruktive Auswege finden.

All die genannten Merkmale persönlicher Wahrheit müssen kombiniert werden mit dem rechten Zeitpunkt für die Ausführung: Wir müssen warten können und wir müssen wagen können. Gute Dinge zum falschen Zeitpunkt getan wirken sich oft so aus, als hätten wir etwas Schlechtes gemacht.


Grenzen sachlicher Wahrheit

Der griechische Philosoph Platon schrieb vor über 2000 Jahren im Dialog Timaeus ``Wie das Sein zum Werden, so verhält sich die Wahrheit zum Glauben.'' Es ist interessant, das Sein mit Wahrheit zu vergleichen und das Werden mit Glauben, mit dem, was wir aus unvollständiger Kenntnis, aber mit Zuverlässigkeit erlebt haben. Dann weist er darauf hin, daß die Wahrheit, soweit wir Menschen sie erkennen können, immer nur darin besteht, daß wir es mindestens so gut machen wie die anderen (ein Aspekt der persönlichen Wahrheit!) und uns nur mangels Besserem mit dem zufrieden geben, was wir erreicht haben.

In der ebenfalls fast 2000 Jahre alten Bibel drückt es der Apostel Paulus so aus: ``Unser Wissen ist Flickwerk, und unsere Vorhersagekraft ist auch Flickwerk'' (1. Kor. 13:9). Wir stückeln unsere Kenntnisse zusammen; manchmal passen Teile wie in einem Puzzle und ein größerer Flicken entsteht, aber das Ganze bleibt doch immer lückenhaft und unvollständig. Und das ist auch die Erfahrung von uns Forschern: Je mehr wir forschen, desto mehr sehen wir, wie lückenhaft alles ist, und daß nur in den ganz grundlegenden Bereichen das Wissen einigermaßen vollständig ist.

Auch die Grundlagen sachlicher Wahrheit sind heute erschüttert. Ist die wirkliche Wahrheit nicht das Sichere, das, was unumstößlich gewiß ist, worauf man sich absolut verlassen kann? Unter den strengen Maßstäben moderner Naturwissenschaft zerrinnt uns diese Sicherheit unter den Fingern, selbst in den exaktesten Naturwissenschaften, der Mathematik und Physik.

Man denkt gewöhnlich, die Mathematik verkündet absolute Wahrheiten, auf die man sich mit Sicherheit verlassen kann. Aber mathematische Probleme werden auf anfechtbarer Grundlage entschieden: Wenn ein Mathematiker Aussagen beweist, dann sagt er: Auf Grund von den und den Definitionen oder Axiomen und wegen diesen oder jenen Sätzen, die schon bewiesen wurden, kann ich das und das folgern. So versichert er sich, daß der Satz, den er beweisen will, richtig ist. Am Anfang stehen unbewiesene Grundsätze, sogenannte Axiome, die nicht weiter hinterfragt werden; warum - wenn überhaupt - sind sie dann gültig? Und wir sehen, daß die absoluten Wahrheiten, die wir Mathematiker verkünden, ihre letzten Ursachen in recht subjektiven Angelegenheiten haben. Wir haben im Lauf der Zeit sehr gute Erfahrungen damit gemacht, haben gesehen, wie leistungsfähig unsere Annahmen sind, daß man mit guter Mathematik viele technische, physikalische, chemische Probleme, neuerdings auch biologische und medizinische Probleme in den Griff bekommt. Unsere Annahmen haben sich über lange Zeit hinweg vielfach bewährt.

Wir nehmen also die Axiome und die darauf aufgebaute Mathematik einfach deshalb als wahr an, weil sie sich als vertrauenswürdig erwiesen haben. Das Prädikat wahr erweist sich also nur als eine Abkürzung für ``wir haben so viele gute Erfahrungen damit gemacht, daß wir gar nicht mehr glauben, daß es falsch sein könnte.'' Und damit steht als Grundlage für die Wahrheit letzten Endes einfach das Vertrauen. Wir haben Vertrauen in die Naturwissenschaft, weil sie sich zuverlässig bewährt hat.

Aber gleichzeitig mit dem Erfolg wächst heute auch ein Unbehagen gegenüber der Naturwissenschaft. Denn alles hängt vom Vertrauen ab, vom Glauben an ihre Zuverlässigkeit; da aber die Wirkungen, die die Naturwissenschaft hervorbringt, nicht immer so sind, wie sie sein sollen, spüren die Menschen, daß irgendetwas fehlt. Und das untergräbt das Vertrauen, produziert Unbehagen und manchmal sogar aktive Gegnerschaft.

In der Physik hat man statt absoluter Wahrheiten experimentelle Beweise. Zur Kontrolle können diese im Prinzip jederzeit von jedermann wiederholt werden; im Rahmen der Meßgenauigkeit immer mit ungefähr demselben Resultat. Statt Beweisen sucht ein Physiker also experimentelle Bestätigungen dafür, daß die Theorien wahr sind. Er macht ein paar Versuche, vielleicht sogar ein paar hundert oder ein paar tausend; jedenfalls sind es immer nur endlich viele.

Aus noch so vielen Einzelfällen können wir jedoch nicht mit Sicherheit auf alle Fälle schließen. Aus der Tatsache, daß, seit es schriftliche Aufzeichnungen gibt, die Sonne jeden Tag aufging, können wir nicht einmal mit Sicherheit schließen, daß sie auch morgen aufgeht. Und um bei einer einfachen Aussage bleiben zu können, ziehen wir es sogar vor, an die dogmatische Wahrheitsvorgabe zu glauben, daß die Sonne jeden Tag aufgeht, obwohl wir sie nicht immer sehen. Wir konstruieren also Wahrheit und überlegen uns eine Erklärung, die uns sagt, warum die Sonne heute nicht sichtbar ist. Solche Konstruktionen sind zwar bequem, aber subjektiv; es gibt keine Möglichkeit, einen Zweifelnden logisch zu überzeugen.

Selbst Theorien, die sich millionenfach bewährt haben und weiter bewähren, mußten besseren weichen; so die klassische Mechanik und Elektrodynamik der Quantentheorie und der Relativitätstheorie. Der Grund war, daß man bis kurz vor ihrer Entdeckung nur einen Bruchteil der denkbaren Einzelfälle geprüft und deshalb Extremfälle übersehen hatte, die stark von der Theorie abwichen.

Ein weiterer Pfeiler der Sicherheit, das deterministische Weltbild, läßt sich auch nicht mehr aufrechterhalten. Der Zufall spielt eine ganz beherrschende Rolle in der modernen Naturwissenschaft: in der Quantenmechanik, auch in der Thermodynamik und Festkörperphysik ist alles Wahrscheinlichkeit, statistische Mechanik, und auch in Biologie und Ökologie regiert der Zufall.


Jesus Christus - die Quelle der Wahrheit

Vielleicht haben Sie noch nie eine Bibel zu Hand genommen, aber es lohnt sich, darin zu lesen. Wenn Sie es tun, können Sie an Hand der Berichte von Jesus - sie stehen gleich am Anfang des Neuen Testaments - persönlich nachprüfen, daß seine Haltung genau dem entspricht, was nötig ist, um ein fruchtbares Leben führen zu können; die genannten Merkmale persönlicher Wahrheit sind charakteristische Wesenszüge von ihm: Herrschen durch liebevolles Einfühlen; Liebe, die auf den Einzelnen eingeht; Dienen, um zu wirken. Ziele, die Zukunft haben; dauerhafte Perspektiven. Abwägen können, beharrlich sein und begeisterungsfähig; Schönheit und Harmonie zu entdecken suchen. Sehen, was nötig ist; tun, was möglich ist; andere hören können. Leidensfähig sein, warten und wagen können.

Als ich im Alter von 25 Jahren die Bibel für mich entdeckte, war ich fasziniert davon, wie Jesus handelte. Seine Art hat mich angezogen: Jesus hatte ähnliche Ziele; ihm ging es auch um Wahrheit und Wirksamkeit. Aber ihm fiel leicht, was mir schwer fiel und wo ich versagte. Deshalb wollte ich von ihm lernen, ihm abschauen, wie er es macht.

Aber Jesus sagt von sich selbst sogar mehr, er sagt: ``Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben'' (Joh. 14:6). Jesus bezeichnet sich als die persönliche Wahrheit. Wenn wir uns auf eine Beziehung mit Jesus einlassen, erleben wir, daß sich unser Wesen in der Begegnung mit ihm und mit seinem Wort so verändert, daß wir fähiger werden, wahrhaftiger zu leben. Daß wir fähiger werden, schlechte Dinge zu lassen und gute Dinge zu tun, daß wir uns ändern können, auch wo wir es nicht gedacht hätten. Daß die gelebte Wahrheit uns mit Leben erfüllt und den Weg zu Gott ebnet.

Vor fast 2000 Jahren sagte Jesus: ``Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen'' (Joh. 8:32). Tatsächlich, das wahrhaftige Wissen, das die Naturwissenschaft im Lauf der Zeit angesammelt hat, kann uns von vielem frei machen: von Hunger, von vielen Krankheiten, von schweren Arbeiten, von Routinearbeiten. Was aber vor Jahrhunderten hoffnungsvolles Motto der Naturwissenschaft war und vor hundert Jahren zum Greifen nahe schien, ist heute wieder fragwürdiger geworden - in einer Zeit, in der sich viele auf die eine oder andere Weise von unserer modernen technisch geprägten Welt bedroht fühlen.

Wir müssen also schon ein Fragezeichen dazu machen, ob wir wirklich die Wahrheit, die frei macht, erkannt haben, weil doch viel fehlt. Das Wissen, das wir angehäuft haben, bringt nicht bloß Gutes mit sich, sondern viel Zerstörerisches, das uns bedrückt. Das ist ein Mangel an der Naturwissenschaft, so wie wir sie heute erleben. Wir schaffen leichtsinnig Dinge, die wir kaum unter Kontrolle haben; wir produzieren gedankenlos Dinge, die wir kaum wieder los werden; wir ermöglichen kurzsichtig vieles, ohne die Folgen zu bedenken. Umweltverschmutzung, Atomkraft, Überbevölkerung, Gentechnologie, - überall erweist sich die Naturwissenschaft als zweischneidiges Schwert.

Warum ist das so? Eine Klärung ergibt sich aus dem Kontext des Zitats: ``Da sprach nun Jesus: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger, und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Da antworteten sie ihm: Wir sind Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen. Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden? Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist ein Sklave der Sünde.'' (Joh. 8:31-34). Sünde - das ist das Handeln ohne Gott, die Folge unseres Mangels an persönlicher Wahrheit. Sünde äußert sich im Kleinen in Tendenzen zu Unwahrheit, Lieblosigkeit, Unfrieden, Arroganz, Gier, Neid, Selbstmitleid und ähnlichem. Werden sie nicht bekämpft, wachsen diese Tendenzen, bis sie zerstörerische Formen angenommen haben - Menschenverachtung, Haß, Gewalt, Raub, Trunksucht, Drogenabhängigkeit, Betrug, Untreue, Scheidung, Selbstmord, Mord.

Auf den ersten Blick sieht es aus, als wären wir frei. Wenn wir aber unser konkretes Leben anschauen, dann sind wir mehr, als uns lieb ist - mitunter fast sklavisch -, in Zwänge eingebunden: Alte Unwahrheiten müssen durch neue gedeckt werden. Unser Mangel an Liebe provoziert Lieblosigkeit und weckt einen Teufelskreis. Sachzwänge beherrschen uns. Die Gier nach Erfolg und Anerkennung macht uns zu gehetzten Menschen; der Hang zu Bequemlichkeit und Status macht uns abhängig von der Technik.

Jesus hat also recht, wenn er unsere Freiheit hinterfragt. Wir haben im Lauf der Geschichte stillschweigend das Entscheidende fallen lassen: was fehlt, ist das, was Jesus als Voraussetzung der Freiheit nennt: ``Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.'' Erst die Begegnung mit Gottes Wort, das Handeln in Verantwortung vor ihm, macht die Wahrheit vollkommen - sachliche und persönliche Wahrheit integriert in unserem Leben.


Ausblick

Sachliche und persönliche Wahrheit haben Anteil an Qualitäten Gottes. Sie sind echt, vollkommen, beständig, harmonisch; sie sind mächtig und wirksam; sie sind zum Fürchten und zum Lieben. Das Fürchten vor der Naturwissenschaft haben wir in diesem Jahrhundert gelernt, und wir fangen an, daraus zu lernen. Die Liebe zur Naturwissenschaft trägt viele der erfolgreichsten Naturwissenschaftler; auch viele, die erfolgreich sind, aber weniger nach außen ausstrahlen, weil sie an Problemen arbeiten, die kein Aufsehen erregen. Ebenso heißt es von Gott: ``Die Furcht Gottes ist der Weisheit Anfang'' (Spr. 9:10) und ``Liebe Gott, den Herrn, von ganzem Herzen'' (Matth. 22:37). Die sachliche Wahrheit lebt durch die Naturwissenschaft, die persönliche Wahrheit lebt durch Jesus Christus.

Machen Sie ernst mit Ihrem Mühen um die sachliche Wahrheit in der Naturwissenschaft, treiben Sie sie nicht um sekundärer Dinge willen, sondern um die Wahrheit darin zu erfassen. Ich bin sehr gerne Naturwissenschaftler und ich habe viel Freude daraus gezogen. Und machen Sie ernst mit dem Erfassen der persönlichen Wahrheit in der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Das habe ich erst viel später entdeckt, hat mir aber in meinem Leben auch viel Glück beschert, und aus dieser Gemeinschaft beziehe ich Kraft und Mut, wahrhaftig zu leben.

Jesus sagt: ``Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker'' (Matth. 13,44). Das möchte ich Ihnen auch wünschen: Entdecken Sie hinter dem Alltag der Naturwissenschaften den Schatz der göttlichen Wahrheit, der den ganzen Einsatz lohnt.


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