Wie erfahre ich, was Gott will?

Stefan Ram fragte (auf meine Auskunft hin, an Gott zu glauben bedeute u.a., so zu leben, dass Gott der Chef des eigenen Lebens ist),

Und wie erfährst Du, was Gott will?


Durch Versuch und Irrtum.


Wie erfährt ein Kind, was die Eltern wollen? Es versucht, das zu interpretieren, was es sieht und was ihm geschieht; später, wenn es merkt, dass Sprache etwas bedeutet, auch aus dem, was es hört und versteht. Verstanden haben bedeutet, dass das eigene Verhalten und die Reaktion der Eltern zusammenpassen im Sinn des Modells, das sich das Kind vom Willen der Eltern gemacht hat. Es braucht eine Zeitlang, und Missverständnisse sind nicht ausgeschlossen, aber werden mit der Zeit seltener.

Wie erfährt ein Student der Physik, was die Natur will? Zum überwiegenden Mass aus Büchern, die kompetente Leute geschrieben haben und aus denen ihnen andere kompetente Leute in Vorlesungen vorbeten. Exemplarisch auch an Hand von ein paar Dutzend Praktikumsversuchen, die sie selber machen und deren Ergebnisse zurechtinterpretiert werden, wenn sie nicht zu dem passen, was rauskommen soll; wenns nicht geht, muss das Experiment eben wiederholt werden. Das Meiste wird auf Vertrauen akzeptiert, weil die Zeit des Studiums und die experimentellen Möglichkeiten eines Durchschnittsstudenten nie und nimmer ausreichen, auch nur einen Bruchteil dessen selbst nachzuprüfen.

Wie erfährt ein junger Mann, was seine Freundin will? Indem er sich Zeit für sie nimmt, mit ihr viel unternimmt, und sich für ihre Gedanken interessiert. Auch hier gibt es viele Missverständnisse, und viel Liebe und Geduld sind erforderlich, um sich dauerhaft gut zu verstehen. Tiefes Vertrauen wächst nur langsam. Man lernt die Freundin lieben oder hassen (oder beides), und zieht daraus seine Konsequenzen.


Mit Gott ist es genauso; es wäre auch seltsam, wenn es anders wäre.

Wir haben zunächst die Berichte von andern, und müssen uns einen Reim darauf machen, was davon wie vertrauenswürdig ist. Wie alles, was von andern kommt, ist die Qualität bunt gemischt, und man muss auswählen. Zuerst nach den üblichen Kriterien - was sagt der/die das dazu? Wo gibt es einen Konsens? Wer gilt als kompetent? Was passt zu dem, was ich schon erprobt habe?

Wenn sich das Bild soweit geklärt hat, dass es einem Wert erscheint, Gott als Freund und Leitfigur zu haben, versucht man ihn kennenzulernen, nach dem Vorbild anderer. Also (in Klammern die zugehörigen Fachbegriffe):

  • mit ihm zu reden versuchen (Beten);
  • das eigene Leben aus der Sicht Gottes beurteilen (Busse);
  • Gott zuliebe dies oder das tun oder lassen (Nachfolge);
  • sich an die ihm zugeschriebenen Ratschläge halten (Gehorsam);
  • sich mit andern treffen, die auf demselben Weg sind (Gemeinschaft); usw.

    Der Rest ergibt sich mehr oder weniger von selbst. Man lernt Gott lieben oder hassen (oder beides), und zieht daraus seine Konsequenzen.

    Man macht positive und negative Erfahrungen, korrigiert so allmählich das sich angelesene oder aus zweiter Hand übernommene Bild von Gott, und kommt so der Wahrheit allmählich näher. Viele Vorstellungen werden dabei falsifiziert (und korrigiert) - oder wenigstens in ihrem Gültigkeitsbereich eingeschränkt. Was wahr ist, bleibt bestehen und festigt sich.


    Wie auch beim Studium der Natur, dem Meisterstück Gottes. Über Künstlern lernt man viel aus dem Studium ihrer Werke. Über Gott auch.


    Mehr noch und in manchem viel konkreter, leider momentan nur auf Englisch: How do we recognize God's will for us?

    Arnold Neumaier


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    Arnold Neumaier (Arnold.Neumaier@univie.ac.at)