Eine nichtgehaltene Vorlesung


Heute will ich keinen mathematischen Stoff bringen, sondern etwas von der Quelle erzählen, aus der ich meine Kraft, meine Begeisterung, meine Stellung und mein Leben habe.


Jesus sagt (vgl. Matth. 6,25-34; Luk. 6,38):

Gott hat mir alles im Überfluß gegeben, und dazu noch durch meine Arbeit einen hochinteressanten Einblick in die Welt des Geistes und der Gesetze, die der Schöpfung zugrundeliegen. Ein gerüttelt volles und überfließendes Maß, das ich kaum ausschöpfen kann, und von dem ich z.B. in meinen Vorlesungen weiterzugeben versuche, was ich kann. Und ich schäme mich fast, daß Gott mir das alles gibt, obwohl ich mich oft wenig um Gottes Herrschaft kümmere, mich oft in meiner Arbeit verliere, es an Aufmerksamkeit gegenüber den Menschen um mich fehlen lasse. Und ich bin Gott dankbar dafür, daß er den guten Willen anerkennt, auch wenn die Ausführung noch zu wünschen übrig läßt.


Gott hat die Welt gemacht als Ausdruck seines Reichtums, und uns Menschen als Ausdruck seiner Art, als Bild Gottes, zum Umgang mit Ihm bestimmt (1.Mose 1,27). Darin liegt die höchste Würde unsres Menschseins, und durch den Umgang mit Ihm gewinnen wir einen festen Stand im Leben. Alles kommt darauf an, im Einklang mit Gott zu leben, denn er weiß, wofür er uns gemacht hat und wie unser Leben Erfüllung findet.

Gott ist der Herrscher des Universums, und er will als solcher von uns Menschen anerkannt werden. Er will die Herrschaft nicht mit den nichtigen, unzuverlässigen Mächten teilen, denen wir soviel Einfluß einräumen. Gott sagt von sich, er sei ein eifersüchtiger Gott (2.Mose 20,5): Seine Liebe zu uns duldet es nicht, daß wir jemanden Geringeren Ihm vorziehen. Gott will unsere Liebe ungeteilt, er will, daß wir fragen, was er will, und ihm zu Ehren handeln. Daß wir alles abtun, was er verabscheut, und neu beginnen, wenn wir merken, daß wir ihn enttäuscht haben.

Gott will (5.Mose 18,13; Matth. 5,48; 1.Kor. 14,20), daß wir vollkommen werden, vollkommen in der Erkenntnis seines Willens, vollkommen im Tun: Barmherzig, liebevoll, wahrhaftig, gerecht, wie Gott selbst es ist. Er setzt die Maßstäbe des Guten; an uns liegt es, uns in ihrer Beherrschung zu üben. Dort, wo wir uns üben, werden wir vollkommener - ob es sich um Lesen, Schreiben und Rechnen, um das Beherrschen einer Sprache oder Wissenschaft, oder um ein Gott gemäßes Leben handelt.


Ich will hier einmal nach der Art einer mathematischen Vorlesung über Gott reden, mich orientieren an den Kategorien der Definition, Konstruktion, Existenz und Eindeutigkeit. Natürlich ist Gott kein mathematisches Objekt, und so ein Vorgehen hat seine Grenzen. Aber wie ein mathematischer Beweis streng genommen auch nur ein etwas dem geschulten Denker einsichtig machen ist und eine gemeinsame Erfahrungsgrundlage voraussetzt, so auch hier. Was ich hier versuche, ist mehr ein die Augen öffnen für Gott als ein wirklicher Beweis, so wie auch ein mathematischer Beweis nur soviel Detail enthält, wie nötig ist, dem anderen die Augen für die Wahrheit der Argumente zu öffnen.


(i) Definition

Unter Gott verstehe ich den Gott, den die Christen im Glaubensbekenntnis bezeugen, der die Welt geschaffen hat und erhält, der in Jesus menschlich faßbar wurde, und durch seinen Geist Menschen anspricht, erneuert und mit Kraft und Leben erfüllt.


(ii) Konstruktion

Wie mache ich einen Gott? Der Prophet Jesaja beschreibt es so (Jes. 44,9-20):

Ja, die Bibel versteht die Agnostiker oder Atheisten, die denken, daß ein Gottesverständnis, das eine rein menschliche Konstruktion ist, wertlos ist, bloß ein Papiertiger, Asche, Trug. Und sie stimmt ganz damit überein. Aber sie weist darauf hin, daß das nicht alles ist, daß es einen Gott gibt, der anders ist, nicht von uns gemacht, sondern einen, der alles gemacht hat, mit einer unermeßlichen Macht. Jes. 45,5-12:

Natürlich ist all unsere Sprache menschliche Konstruktion, und doch drücken wir darin viele Wahrheiten aus, z.B. mathematische. Der Wahrheitsgehalt liegt nicht in der Konstruktion selbst (dem Modell, wie die Physiker sagen), sondern darin, wieweit dieses Modell Eigenschaften der Wirklichkeit korrekt widerspiegelt. Die richtige Frage ist also:

Wie finde und beschreibe ich die wesentlichen Eigenschaften Gottes?!!

Gott äußert sich

  • in seinem Tun (Gottes Wirken),
  • in seiner Aufforderung zum Handeln (Gottes Willen), und
  • in der Gestalt Jesu (Gottes Persönlichkeit).

    Gottes Wirken sieht man tagtäglich an vielem, was in der Schöpfung geschieht; obwohl sich viele daran gewöhnt haben, das tägliche Wunder hinzunehmen, ohne sich Gedanken zu machen. Neben dem alltäglichen Wirken, was wir in naturwissenschaftliche Regeln fassen können, ist Gott allerdings auch immer mal wieder für Überraschungen gut (Wunder), wie es einer kreativen Persönlichkeit - im Unterschied zu einer Maschine - angemessen ist.

    Wir betrachten unsere tägliche Post nicht als Produkte des Zufalls, sondern als von andern Menschen mit bestimmten Absichten geschrieben, weil wir selbst Briefe schreiben können und daher wissen, was es damit auf sich hat. Jetzt, wo die Menschheit anfängt, das Leben zu manipulieren und wir sehen, wieviel Absicht, Planung und Aufwand dazugehört, etwas Konstruktives damit zu machen - während der Zufall meist verdirbt, was wir anstreben und deshalb unter scharfer Kontrolle gehalten werden muß, sollten wir ein ebensolches Verständnis für das Wirken Gottes gewinnen können.

    Gottes Willen erfährt man im Umgang mit Menschen (Christen), die ihn schon kennen, aus Berichten von ihnen (Bibel) und im persönlichen Gespräch mit Gott (Gebet). Nach einiger Übung (und dem Lernen aus guten und schlechten Erfahrungen) wird man so aufmerksam, Gottes Stimme aus vielem zu hören, obwohl die Prüfung, was wirklich von ihm kommt und was nur so ähnlich aussieht, nie entfällt. (Wie oft sind auch unsere mathematischen Argumente bei näherem Hinsehen fehlerhaft, insbesondere, wenn wir denken, etwas sei offensichtlich trivial.)

    Gottes Persönlichkeit erlebt man am vollkommensten in Jesus; daneben aber in einzelnen Aspekten auch bei vielen Menschen in Geschichte und Gegenwart, die bereit waren, sich nach Gottes Bild formen zu lassen.


    (iii) Existenz

    Gott ist ein verborgener Gott (Jes. 45,15), man kann ihn nicht leicht beweisen. Es gibt jedoch genügend Hinweise, die auf seine Existenz hinweisen.

  • Die Schöpfung: Unsere Welt ist, wie die moderne Wissenschaft in immer feineren Details zu verstehen lernt, ein erstaunliches, koordiniertes Ineinandergreifen außerordentlich komplexer Prozesse. Zufall scheidet praktisch aus als Quelle, kann höchstens als Modifikationsprinzip wirksam sein. Alles genügend Komplexe in unserer Erfahrung entsteht durch Planung, und wir haben nie etwas Großartiges zufällig entstehen sehen. Wer dem Zufall die konstruktive Rolle zuspricht, die nötig ist, diese Welt zu erschaffen, tut dies nicht aus Erfahrung, sondern aus Vorurteil oder gedankenlosem Nachreden.

  • Die Gnade: Wir machen keine Gedanken, Ideen, Charaktere, Einsichten, sondern wir kommen auf einen Gedanken, bekommen eine Idee, werden zu einem solchen und solchen Menschen, uns geht ein Licht auf, wir begreifen plötzlich. All dies ist passiv, gegeben, ein Geschenk. Weil wir selbst Geschenke machen, wissen wir, daß zu jedem Geschenk ein Geber gehört. Diese Geber erscheinen in der Bibel als himmmlische (oder höllische) Mächte, und kommen letztlich von dem, der die Herrschaft über diese Mächte hat, Gott. Daß und wie Gott uns beschenkt, heißt im religiösen Sprachgebrauch Gnade.

    Gnade ist das freie Geschenk Gottes; wir können es weder erzwingen noch haben wir ein Recht darauf. Was wir aber beeinflussen können, ist, wie wir mit diesen Geschenken umgehen: Wir können sie verschleudern oder pflegen, und je nachdem können die Geschenke ihre Wirkung entfalten oder nicht. Der kleine Mensch läßt seine Gaben verkommen oder mißbraucht sie für Zwecke, die der Geber mißbilligt, und stoppt so den freien Fluß der Gnade. Der große Mensch aber pflegt seine Gaben und nutzt sie zur Zufriedenheit des Gebers, und provoziert so ein organisches Nehmen und Weitergeben der Gnade. (Das läuft praktisch auf eine Definition von groß im Sinne Gottes hinaus.)

  • Das persönliche Experiment: Wem Schöpfung und Gnade als Existenzbeweise nicht genügen, der muß mehr Einsatz aufwenden. Gott läßt sich finden von denen, die ihn ernsthaft, von ganzem Herzen suchen. Andere können es nur dann für einen tun, wenn man entsprechend viel Vertrauen in sie hat.

    Wie beweisen Sie die Existenz des deutschen Bundeskanzlers? Der einfache Beweis ist der Verweis auf Zeitung und Fernsehen. Aber beide berichten auch unwahre Dinge, und wenn wir nicht genug Vertrauen in sie haben, müssen wir uns viel mehr Mühe machen, um ihm selbst zu begegnen; wer sich diese Mühe nicht macht, wird nie Sicherheit in dieser Frage haben.

    Viele große Sätze der Mathematik kennen wir auch nur vom Hörensagen, im Vertrauen auf Spezialisten, die sich die Mühe gemacht haben, die Beweise im einzelnen zu studieren - und wer garantiert uns, daß sie keinen Fehler übersehen haben? Wir können den Experten vertrauen; aber wer wirklich wissen will, muß selbst prüfen - auch mathematische Wahrheit läßt sich nur von denen finden, die sie ernsthaft, von ganzem Herzen suchen.


    (iv) Eindeutigkeit

    Das ist vor allem das Problem: ``Welche Religion ist die Richtige?''. Es gibt eine große Zahl konkurrierender Mächte, die Gottes Platz beanspruchen. Gott selbst bestreitet das nicht, er wehrt sich aber heftig dagegen, durch etwas Nichtiges ersetzt zu werden. Kennt man ihn persönlich, so ist es keine Frage mehr, daß er einzigartig ist.... Es kommt also darauf an, daß man das Nichtige, letztlich Machtlose und Bedeutungslose erkennt und von dem wahrhaftigen Gott mit seiner unermeßlichen Macht und Bedeutung zu unterscheiden lernt.

    Ein Gott, der nichts Großes mehr tut, oder sogar nichts Großes tun kann, kann ohne große Konsequenzen ignoriert werden; für das Leben der Menschen ist er ohne Bedeutung. Ein Gott, der von uns nichts will, um den brauchen wir uns nicht zu scheren; ihm gegenüber sind wir frei und könnten ebensogut Atheisten sein.

    Aber ein Gott, der etwas von uns will, hat als unser Schöpfer ein Recht auf unsere Reaktion, auf unseren Gehorsam, so gut wir es vermögen. Ihm gegenüber sind wir nicht frei; aber die Unterordnung unter ihn befreit uns von allem anderen. ``Was wollen wir nun hierzu sagen?'' fragt der Apostel Paulus in Röm. 8,31.35-39, und beantwortet es so:

    Die Kräfte, die wir Menschen uns nutzbar zu machen gelernt haben, sind furchterregend wegen ihres zerstörerischen Potentials bei falschem Gebrauch, und doch nutzen wir sie wegen der immensen lebensfördernden und -verbessernden Möglichkeiten, die der sorgfältige Umgang mit ihnen mit sich bringt. In weit größerem Maße ist der wahre Gott eine ehrfurchtsgebietende Macht zum Fürchten und Lieben: Zum Fürchten, weil er Herr ist über die formenden und zerstörenden Kräfte der Materie und des Geistes; zum Lieben, weil er die Quelle der Kreativität, der Liebe und des Lebens ist. Der rechte Umgang mit ihm entscheidet über Wert und Qualität unseres Lebens.

    Daher möchte ich die Aufforderung in Erinnerung rufen, mit der Mose am Berg Sinai das Volk Gottes ermahnte:


    Das Leben mit Gott ist die Quelle wahren Lebens, die Quelle, aus der ich meine Kraft, meine Begeisterung, und mein Leben habe. Ich schätze mich glücklich, für Ihn leben zu dürfen, und ich wünsche Ihnen dasselbe Glück.


    Arnold Neumaier


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