Orientiert euch an Jesus Christus!

Es gibt Bibeltexte, die selbst nach vielem Lesen immer wieder Kraft ausstrahlen und neue Bereitschaft zum Lieben wecken, die Mut machen, sich um mehr Vollkommenheit zu bemühen, auch wenn es nicht leicht ist, und die die Maßstäbe zurechtrücken, wenn wir so verletzt oder abgestumpft sind, daß wir fast nur noch uns selbst sehen. Zu diesen Texten gehört auch der Brief des Paulus an die Philipper, und insbesondere der Anfang des zweiten Kapitels.


In der Übertragung des Neuen Testaments von Hoffnung für alle lautet der Ausschnitt aus dem Brief des Paulus, den wir betrachten wollen (Phil. 2:1-11), so:


Hoffnung für alle versucht, den Text möglichst lebensnah wiederzugeben und in unsere persönliche Situation hineinzustellen, und nimmt sich daher gewisse Freiheiten in der Interpretation des Originaltextes heraus. Die danach wiedergegebene genauere Übersetzung von Martin Luther zeigt, wo Abweichungen sind, und gibt uns Aufschluß, wie diese Freiheit genutzt wurde. Genauso können wir, wenn wir andere Bibeltexte lesen, diese für unser eigenes Leben wirksamer werden lassen, wenn wir sie so variieren, daß sie in unsere persönliche Situation hinein sprechen.

Die Bibel richtig zu interpretieren heißt den Text mit Liebe füllen, um ihn voll wirksam zu machen, um seine innere Kraft ganz zur Geltung zu bringen. Wir lockern den Text sprachlich auf (wie einen fruchtbaren Boden) und geben unsere Fragen und unser Herz hinein (wie eine Saat). Gottes Geist verwandelt unsere Mühe, und wir holen viele Früchte heraus. Wenn wir in der Bibel lesen, eine Predigt hören oder lesen (z.B. auch diesen Kommentar), ist es sinnvoll, darauf zu achten:

Solche Fragen können auch der Anfang für ein gemeinsames Gespräch über das Gelesene oder Gehörte sein.


Im ersten Vers geht es um Fragen, die nicht nur Paulus stellen kann, sondern jeder, der als Gast in eine christliche Gemeinschaft kommt, der wissen will, ob hinter den christlichen Formen auch Gottes Geist wirksam ist. Christliche Formen sind kein Selbstzweck, sonst verkommen sie zu einer Schein-Heiligkeit, die andere abstößt. Sondern das Ziel aller christlichen Formen ist es, Jesus Christus ähnlicher zu werden, liebevoller zu werden, fähiger, die eigenen Wünsche in den Hintergrund zu stellen und die Bedürfnisse anderer im Sinne Gottes wahrzunehmen und zu berücksichtigen.

Stellen wir uns die Fragen, die Paulus hier anklingen läßt, so können wir vielleicht ein Stück weit ja sagen. Paulus setzt dieses ja auch als gegeben voraus, wie man dem Vergleich mit der Luther-Übersetzung entnehmen kann. Aber ein volles Ja wird uns schwerfallen, wenn wir ehrlich sind. Wir merken, wie wenig wir Gottes Ansprüchen an eine makellose Liebe gerecht werden. Diese Fragen bleiben atemberaubend, weil sie so viel von uns verlangen.

Sind wir offen für Gott, so färben die Gedanken von Paulus auf uns ab: der Wunsch danach, vollends so zu werden, soweit wir nicht so sind, kräftigt sich beim Lesen. So werden diese Fragen zu Herausforderungen an uns, diese Haltung zu vertiefen, dazuzulernen, vollkommener zu werden, uns bereit zu machen für neue, vielleicht schwierige Schritte...


Im zweiten Vers zeigt Paulus einen Weg, die Lücken, die die Fragen offengelegt haben, zu schließen. Gleich und vollkommen sein in der Gesinnung, verschieden in Können, Verstehen, Handeln, Wissen, Aufgaben - so ist der Zusammenhalt am besten, und wir ergänzen einander, ohne unsere Energie in zermürbenden Konflikten zu verschleißen. So können wir trösten, heilen, ermahnen, wo es nötig ist, und die Herzlichkeit und Gemeinschaft wächst.

Es ist auch interessant, wie Paulus motiviert: `macht meine Freude vollkommen!' Christ Sein ist keine Sache der Moral, sondern vor allem der Wunsch, Gott und den Menschen Freude machen zu wollen! Denn wenn wir spüren, daß wir jemandem Freude gemacht haben, stärkt und belebt das uns, und gibt uns neue Kraft zum Handeln. Moralische Appelle erschöpfen uns dagegen und machen uns allmählich stumpfer und unzugänglicher. Gott benutzt moralische Mahnungen zuweilen als Warnsignale; aber seine Kraft steckt nicht in der Moral, sondern in der Freude, mit der wir handeln und die wir ihm und anderen machen.


In Vers drei spricht Paulus ein paar konkretere Dinge an: Neid (oder Eigennutz, je nach Übersetzung) machen krank, grob und gemein, und zerstören die eigene Freude und die der anderen. Ehrgeiz macht blind, Ehrsucht macht hohl (eitel), und beides zerstört die Qualität der Gemeinschaft. Je nachdem, wie man übersetzt, betont Gottes Geist mal diesen, mal jenen Aspekt zerstörerischer Haltungen. Ebenso wird auch bei manch anderem Bibelvers für uns persönlich unter Umständen eine Variation des ursprünglich vom Schreiber Gemeinten das sein, was Gottes Geist in unserem Herzen zur Sprache bringt und mit wirksamer Kraft versieht. So kommt es, daß dasselbe Buch unzähligen Menschen, so verschieden sie und ihre Probleme auch waren und sind, Gottes Kraft und Weisheit wirksam vermittelt.

`Denkt von euch selbst gering', das ist das Gegengift gegen den Neid (das trennende Einklagen des Rechts auf gleichen Besitz, wenn auch vielleicht nur im eigenen Herzen) und die Ehrsucht (das trennende Einklagen des Rechts auf mehr Anerkennung, wenn auch vielleicht nur im eigenen Herzen). Es beschreibt die Demut, die Haltung, die Jesus hatte: nicht seine Größe (Gottheit) groß herauskehren, nicht auf sein Recht (die Herrschaft über die Menschen) zu pochen, obwohl dies ihm zugestanden hätte. Demütig sein heißt weder sich als Fußabtreter gebrauchen zu lassen, noch sein Wissen oder Können herunterzuspielen. Aber es heißt, unabhängig von der eigenen Größe (oder Kleinheit) sich seiner Abhängigkeit von Gott bewußt zu sein, der mehr als wir selbst für das Ausmaß unsrer Fähigkeiten verantwortlich ist, und der uns alles schnell durch Unglück, Krankheit oder Tod entziehen kann. Unser Können oder Wissen macht uns also als Menschen nicht besser als andere. Übersehen wir das, so behandeln wir das, was Gottes Geschenk an uns war, wie einen Raub (v. 6), den wir sichern und verteidigen müssen. So verlieren wir unsere Freiheit, und die Gemeinschaft, der wir angehören, wird vergiftet.

Man kann auch sagen, demütig ist man dort, wo einen nichts mehr demütigen kann. Das ist ein sehr klarer und zielsicherer Maßstab, an dem wir uns prüfen können. Ohne Demut plagen uns Minderwertigkeitsgefühle, wo wir Schwächen haben, sind wir verletzt, wenn wir angegriffen werden, und werden wir überheblich, wo wir Stärken besitzen. In dem Maß, wie wir Demut entwickeln, verlieren diese Kräfte ihren Angriffspunkt, weil wir das, was wir von Gott haben, einfach treu verwalten, und uns um das, was wir nicht haben, nicht beunruhigen. So dienen wir wirksam Gott, uns, und den Menschen um uns.


Dann ist auch selbstverständlich, was uns Paulus in Vers vier empfiehlt: neben dem Eigenen auch die Sache des Andern im Auge zu haben. Denn dann kommt es uns als Verwalter von Gottes Reichtum darauf an, das zu tun, was für Gott am besten ist, und das, was uns dient, hat dasselbe Gewicht wie das, was andern dient. Und wir können uns darauf verlassen, daß Gott uns diese Verwalterdienste lohnt: er erneuert in uns immer wieder die Kraft und die Liebe, die wir zu diesem Dienst brauchen - es liegt ja in seinem eigenen Interesse.

Daher entschuldigen wir andere, wo wir uns selbst entschuldigen. Wir sind ihnen gegenüber nachsichtig, wo wir uns gegenüber nachsichtig sind. Wir fordern von uns das, was uns an anderen stört. Wir nehmen unsere eigenen Schwächen und Schwierigkeiten ebenso an wie die der andern. Wir lernen aus dem, was wir leiden, wie andere fühlen, wenn sie leiden. Wir helfen anderen ebenso, wie uns geholfen wird, und machen keine Unterschiede, ob es jemand verdient oder nicht. So fördern wir durch Liebe die Gemeinschaft untereinander, und wir kommen dahin, daß andere, die uns begegnen, eine positive Antwort auf die am Anfang gestellten Fragen erleben.


In Vers 5 spricht Paulus die grundlegende Empfehlung direkt aus:

  • Orientiert euch an Jesus Christus!

    Luther schreibt noch viel herausfordernder:

  • Ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war!

    Also: Werdet wie Jesus! Nehmt ihn euch zum Vorbild! Dann wird es euch nie an Liebe mangeln und ihr werdet alle Zerreißproben, in die eine Gemeinschaft von Menschen gestellt werden kann, überwinden.

    Das ganze Neue Testament ist im Grunde eine Anleitung zum Überwinden. Alles das, was echtes, liebevolles Leben behindert, zu überwinden aus der Kraft heraus, die die Liebe Gottes und unsere antwortende Liebe zu Gott hervorrufen (vgl. Röm. 8).

    Die folgenden Verse skizzieren das Leben, das Jesus führte - von Gott herausgefordert bis aufs letzte, liebend alles losgelassen, alles ertragen, ohne seine Liebe zu verlieren, von Gott großartig bestätigt, daß er richtig gehandelt hat, obwohl es wie ein Weg des Scheiterns aussah. Und uns verspricht Gott ebenfalls viel, wenn wir durchhalten und überwinden (Offb. 2:7,11,17,26; 3:5,12,21; 21:7) - zusätzlich zu allem, was wir an Liebe und Freude von ihm schon jetzt bekommen, damit wir überhaupt die Kraft haben, durchzuhalten.


    Orientiert euch an Jesus Christus!


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