Das Himmelreich ist nahe!

Matth. 13,24-52; Matth. 21,28-32; Matth. 25,31-46
Mark. 4,26-32; Luk. 13,18-21; Joh. 3,1-21


Die moderne christliche Botschaft klingt oft wie: ''Seid aktiv, denn sonst kommt das Himmelreich nicht!''. Aber die Botschaft, die Jesus bringt, klingt anders: ''Erneuert euch, denn das Himmelreich ist nahe!'' (Matth. 3,2; 4,17; 10,7) ''... ist mitten unter euch!'' (Luk. 17,20-21)

Natürlich möchte Gott, daß wir ihm zur Verfügung stehen und tun, was er uns zu tun zeigt: aber nicht um sein Reich zu erschaffen, sondern um es denen sichtbar zu machen, die dafür offen sind. Es wäre ein bedauernswerter Gott, der unsere Hilfe nötig hätte, um seine Herrschaft zu errichten. Die Bibel zeichnet Gott anders: Er hat alle Macht, und was wir tun ist unbedeutend im Vergleich mit dem, was Er schafft (Hiob 38-41; Psalm 2; Psalm 46; Luk. 17,10; Luk. 19,40; Matth. 3,9). Gottes Kraft erhält uns, nicht andersherum!

Was ist die Botschaft von Jesus?

(mehr z.B. in der Bergpredigt, Matth. 5-7)

Wenn wir das, was Jesus sagt, verwässern zu etwas, was wir aus eigener Kraft erreichen können, dann haben wir nicht richtig zugehört, wir haben uns unser eigenes Evangelium gemacht. Zu Seiner Zeit waren die Leute von seiner Botschaft schockiert und entsetzt; viele dachten, Jesus wäre verrückt oder ginge zu weit. Die Pharisäer waren die guten Kirchenchristen seiner Zeit, angesehen, mit einer handlichen Religion, auf die zugeschnitten, die gut genug waren. Aber Jesus sagte: ''Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Pharisäer, dann werdet ihr nie ins Himmelreich kommen.''

Das Himmelreich ist nicht unser Königreich, wo wir herrschen (selbst seine Jünger hatten das gehofft, wurden aber von Jesus korrigiert: Matth. 20,20-28), wo unsere Erfolge zählen und Anerkennung finden, sondern es ist das Königreich Gottes, wo Er herrscht und Seine Leistungen Zeichen setzen.

Gott kann nicht durchscheinen, wenn wir erfolgreich sind und groß herauskommen: was in Wirklichkeit er tat, erscheint dann als unsere Leistung, und die Leute loben uns und vergessen Gott. Gott ist in unserem Jahrhundert so unsichtbar geworden, weil die Menschheit so mächtig geworden ist, und wir werden verführt zu dem Gedanken, daß wir den Platz Gottes einnehmen müssen, weil sich sonst nichts Entscheidendes tut. Und dann fangen wir an, uns Sorgen über die Welt zu machen, weil die Verantwortung, Gott zu spielen, unsere Fähigkeiten übersteigt.

Seine Macht is am besten sichtbar, wenn wir am Ende sind mit unserem Latein, und sich doch etwas tut. Dann nehmen wir endlich wahr, daß Gott am Werk gewesen sein muß.

Wir betrügen uns selbst, wenn wir Gottes Maßstäbe soweit heruntersetzen, daß sie in Reichweite unsrer menschlichen Möglichkeiten kommen (Joh. 15,5). Aber indem wir Sein Wort ernst nehmen, erkennen wir unsere Grenzen und werden durchsichtig für die Kraft Gottes. Am Kreuz, als Jesus am ohnmächtigsten und hilflosesten war, zeigte sich Gottes Macht auf einem Höhepunkt, der das Schicksal der Menschen für immer veränderte.


Kommentar des Apostel Paulus

(1. Kor. 1,18.25.27-29):

''Das Wort vom Kreuz ist Unsinn für die, die verloren gehen; aber für uns, die Geretteten, ist es eine Kraftquelle Gottes.''

''Sogar das, was uns als Dummheit Gottes erscheint, ist weiser als die Menschen, und was anscheinend Gottes Schwäche ist, ist der Stärke der Menschen überlegen.''

''Gott wählte, was aus der Sicht der Welt ungebildet ist, um die Gelehrten zu beschämen; er wählte das in der Welt Schwache, um die Starken zu beschämen. Und das Niedrige und von der Welt Verachtete, ja sogar Wertlose, wählte Gott, um zu entwerten, was vor der Welt etwas gilt, damit sich kein Mensch vor Gott rühmen kann.''


Was sollen wir dann tun, wenn wir uns mit Gottes heiligen Maßstäben messen, wenn wir unser Versagen und unsere Kompromisse erkennen?


''Wer von euch würde, wenn er einen Turm bauen will, sich nicht zuerst hinsetzen und die Kosten berechnen, um zu sehen, ob er genug hat, fertig zu bauen?
Sonst, wenn er die Fundamente gelegt hat und nicht zu Ende bauen kann, werden ihn alle, die es sehen, verspotten und sagen, `Dieser Mensch fing an zu bauen und konnte es nicht vollenden'.
Ebenso kann keiner mein Jünger sein, der nicht auf alles verzichtet, was er hat.'' (Luk. 14,28-33).

''Das Himmelreich gleicht einem Schatz, im Acker verborgen, den ein Mensch entdeckt und wieder zudeckt; in seiner Freude geht er dann hin, verkauft alles, was er hat, und kauft den Acker.'' (Matth. 13,44)

Sobald wir am Köder, den Jesus, der Menschenfischer (Matth. 4,19), für uns ausgelegt hat, angebissen haben, hängen wir an seinem Haken, und es kostet uns alles. Aber obwohl es manchmal auch sehr hart erscheint (Jer. 20,7-18; Matth. 10,16-26), brauchen wir unseren Weg nicht zu bereuen (Joh. 6,66-68; Röm. 8,31-39). Denn die Münze hat auch noch eine andere Seite ... .


Stellen Sie sich vor ...

Stellen Sie sich vor, Sie seien ein Junggeselle, nicht besonders ordentlich, und Ihre Freundin will Sie zum ersten Mal zuhause besuchen. `Oh', denken Sie, `was würde sie von mir denken, wenn sie wüßte, wie ich wirklich bin'. Also sind Sie ängstlich und aufgeregt, machen eine besondere Anstrengung, aufzuräumen, verstecken all die schmutzige Kleidung und hoffen, sie würde den Staub in den Ecken nicht entdecken.

Nun liebt Sie Ihre Freundin aber wirklich; das macht sie besonders aufmerksam, und natürlich bemerkt sie alles. Mit einem Schmunzeln läßt sie Sie wissen, daß sie dies halb erwartet hat, aber sie sagt, sie sei ja nicht gekommen, mir die Stimmung zu verderben, sondern um die Zeit mit mir zu genießen. Sie sind nicht sicher, ob das wirklich so ist, aber immerhin fühlen Sie sich weniger angespannt.

Das nächste Mal besuchen Sie ihre Wohnung und finden alles sorgfältig hergerichtet. Sie genießen die Atmosphäre, fühlen aber, daß Sie da kaum hineinpassen mit Ihrem primitiven Lebensstil.

Nach einer Reihe gegenseitiger Besuche werden Sie unvorbereitet erwischt: Ihre Freundin kommt unerwartet bei Ihnen vorbei und sieht die Unordnung, in der Sie in Wirklichkeit die ganze Zeit gelebt haben. Sie schämen sich sehr - aber zu Ihrer Überraschung sagt sie zu Ihnen: ''Oh, wie ungemütlich muß das für dich sein; warum räumen wir nicht miteinander auf?''.

Sie denken bei sich, `Sie hat ja keine Ahnung, ich bin schon lange gleichgültig dieser Unordnung gegenüber', aber Sie sagen Ihrer Freundin, ja, das sei eine gute Idee. Also waschen Sie das Geschirr ab, während sie den Boden kehrt und die Möbel abstaubt, und während Sie das tun, unterhalten Sie sich mit ihr über den letzten Film, den Sie gesehen haben.

Später fällt Ihnen auf, daß es viel schöner ist, der Musik zuzuhören, wenn alles ordentlich ist, und als sie dann heimgeht, finden Sie, daß es ein wirklich toller Tag war. Allmählich fangen Sie an, das Vertrauen zu gewinnen, daß Ihre Freundin wirklich Sie mag und nicht nur Ihre Gewandtheit im Unterhalten und Ihre guten Manieren, und daß Sie nichts vor ihr verbergen müssen.

Und eines Tages hören Sie sich zu ihr sagen: ''Schau, ich weiß, daß Du mich magst und ich Dir etwas bedeute. Du bist der einzige Mensch, dem ich wirklich vertrauen kann. Du findest Dich nicht mit meinen Mängeln ab, aber Du hast eine so liebevolle Art, mir zu helfen, darüberhinaus zu wachsen. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber ich habe Dich wirklich lieb und würde gerne mein ganzes Leben mit Dir teilen.''

Uns sie erwidert mit Tränen in den Augen, ''Oh, das ist der Tag, auf den ich seit langer Zeit gewartet habe. Ich liebe Dich so sehr ...'', und Ihre Herzen begegnen sich, und alles ist anders als zuvor. Ein neues Leben beginnt. - -


Dies ist das Himmelreich, von der Innenseite gesehen - ein Christ zu sein ist eine Liebesbeziehung zwischen Gott und uns. In dem Gleichnis sind wir der Junggeselle, Gott ist die Freundin.

Geschrieben habe ich diese Geschichte, um Mut zu machen, daß sich auch ein zuerst von Unsicherheit und Skepsis gekennzeichnetes - und daher nur schwach ausgeprägtes - Vertrauen zu Gott vertiefen kann, indem wir echte Erfahrungen im Umgang mit Ihm machen.

Wir alle wissen, daß Gott uns liebt. Aber Er will nicht, daß es eine einseitige Sache bleibt. Gott lebt, und Er möchte ebenso geliebt werden. Vielleicht sind wir Ihm gegenüber schüchtern wegen der Majestät Gottes und unserem unwürdigen weltlichen Lebensstil, und so halten wir Abstand. Und wenn wir kommen, um Ihm zu begegnen, setzen wir unser bestes Selbst auf und unterdrücken die dunkle Seite in uns, weil wir wissen, daß wir in Seiner Gegenwart heilig sein sollen.

Aber Er ist an uns interessiert, nicht an der Fassade, die wir Ihm präsentieren, und mit liebevoller Sorgfalt und einfühlsamer Direktheit zeigt Er uns, daß Er unser verwirrtes Leben kennt, und Er gibt uns Ansporn, Mut und Hilfe zur Veränderung.

Ja, Er will, daß wir heilig leben, und in Seiner Gegenwart fühlen wir uns völlig bloßgestellt. Aber Er hat eine so liebevolle Art, daß wir anfangen, uns zu ändern. Die aus Versagen und Verzweiflung geborene Gleichgültigkeit macht einem Wunsch nach Erneuerung Platz, und, allmählich oder ganz plötzlich, stellen wir fest, daß wir zu Ihm gehören wollen, daß Er unser Herz gewonnen hat.

Dies ist die frohe Botschaft, von der Jesus erzählt, wenn Er predigt:
''Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen'' (Matth. 4,17).
''Ich sage euch, es herrscht Freude bei den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut'' (Luk. 15,10).

Und alles ist anders als zuvor. Ein neues Leben beginnt.
''Deshalb, ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, schaut! - Neues ist geworden.'' (2. Kor. 5,17).

Arnold Neumaier


Gedanken zum Leben als Christ
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Arnold Neumaier (Arnold.Neumaier@univie.ac.at)