Und siehe, es war sehr gut

Betrachtungen zu 1. Mose 1:1-2:4a

von Arnold Neumaier, 14.01.1992


Gottes Wort ist für alle Zeiten gültig:

  • es ist in jeder Epoche fruchtbringend interpretierbar, so daß es den Kontakt mit Gott vermittelt und vertieft;

  • es sagt jedem persönlich etwas, auf seiner Erfahrungsebene;

  • es ist so vielseitig, daß es immer wieder neu gesehen werden kann.

    Das verlangt viel vom biblischen Text, und erklärt zeit- und persönlichkeitsbedingte Unterschiede in der Interpretation.


    Die ersten Blätter der Bibel enthalten folgenden Bericht (1. Mose 1:1-2:4a):


    Ich möchte diesen Text in dreierlei Hinsicht erschließen:

    1. Die Entstehungsgeschichte der Welt (der wissenschaftliche Bezug)

    2. Die Größe Gottes (der hymnische Bezug)

    3. Die Bestimmung des Menschen (der persönliche Bezug)


    1. Die Entstehungsgeschichte der Welt


    Die Christen sind geteilter Meinung darüber, wie man wichtige Details interpretiert. Drängt man die eigene Sicht andern als die allein richtige auf, richtet man Schaden an. ''Wenn einer meint, er sei zur Erkenntnis gelangt, der weiß noch nicht, wie man erkennen soll,'' sagt der Apostel Paulus (1. Kor. 8:2). Ich möchte es also mit Paulus halten, der über die Gemeinde trennende Auffassungen so rät: ''Jeder sei seiner Meinung gewiß'' (Römer 14:5; der Kontext sind Meinungsverschiedenheiten über `bestimmte Tage halten').

    Zum Beispiel die Dauer der Schöpfung.

    Meine eigene Meinung (die ich vorstellen möchte, ohne sie aufzudrängen), beruht auf der Relativität der Zeitmaßstäbe: Gott mißt die Zeit anders als wir.

    In Psalm 90, im einzigen Psalm, der Mose zugeschrieben wird, heißt es im selben Kontext: ''Ehe die Berge wurden und die Erde und das Weltall erschaffen wurde, bist du, o Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du läßt die Menschen zurückkehren zum Staub und sprichst: `Kommt wieder, ihr Menschen!' Denn tausend Jahre sind für dich wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.'' (Psalm 90:2-4)

    Mose weiß also von der menschlichen Bedingtheit seiner Zeitangaben. Wir als vergänglicher Staub müssen nach 6 Menschentagen ruhen, Gott ruht nach 6 Gottestagen. Niemand kann sich sicher sein über deren Dauer. Aber wenn man hier der Wissenschaftschronologie vertraut, waren es sehr lange Zeiträume, nach unsern Uhren gemessen.


    v.1: Gott hat Autorität über alles. ''Im Anfang schuf Gott die geistige und die materielle Welt.'' Er ist all-mächtig = hat die Macht über alles.

    v.2: Die materielle Welt war im Chaos. Wie sich die Wissenschaft dieses Chaos denkt, kann man z.B. in Weinbergs Buch ''Die ersten 3 Minuten'' nachlesen.

    v.3: Gott sprach ''Es werde'': Er gibt den Anstoß zur Entwicklung, die Materie tut das ihre dazu (und die geistige Welt wohl auch). Wissenschaftler beschreiben diese Prozesse als Selbstorganisation: Unter dem Einfluß vorgegebener äußerer Kräfte ordnet sich die Materie so, daß die Energie erhalten bleibt und ein Maximum an Vielfalt (Entropie) entsteht. (1. und 2. Hauptsatz der Thermodynamik). Was genau passiert, hängt von den äußeren Kräften (Randbedingungen) ab.

    v.3-10: Gott zeigt an, daß er der Lenker der Selbstorganisation ist: Er bestimmt Zeitpunkt und Art der Veränderungen. Physiker erkennen in diesen Versen die Beschreibung von drei wesentlichen Phasenübergängen: Die Trennung von undurchsichtig - durchsichtig, von gasförmig - flüssig, und von flüssig - fest. In der Physik wird dies mit Methoden der statistischen Mechanik beschrieben: Der Zufall und das Gesetz der großen Zahl zusammen mit Gottes Naturgesetzen für die Materie, führen zu diesen Vorgängen. Für unsere Zeit bedeutet das Gottes Herrschaft über den Zufall, u.a. durch das Setzen von Randbedingungen.

    v.11-13: ''Die Erde lasse aufgehen Gras und Kraut.'' Die Entwicklung des Lebens ist Gemeinschaftsarbeit von Gott und Materie: Er befiehlt, sie gehorcht. Die Gesetze der Entwicklung sind in der Materie angelegt; den Zeitpunkt, wann etwas Neues beginnt (und was), bestimmt aber Gott.

    v.20-25: Das Werden der höheren Tiere erfordert eine neue Qualität: Aus der Sicht der modernen Biologie kann man den Sprung vielleicht im Entwurf des Nervenzentrums sehen, das den Tieren ihre Individualität gibt, sie beseelt.

    Was die Biologen dem Zufall zuschreiben, ist nach dem Zeugnis der Bibel das direkte Eingreifen Gottes: zum zweitenmal schuf er (v.21). Und das Neue, die individuelle Seele, hat eine neue Fähigkeit: Sie kann auf Gott hören, denn Gott spricht sie an (v.22).

    v.21: Ein jedes nach seiner Art: Gott hat Freude am Individuum, gestaltet jeden besonders in seiner Eigenart. Mit wissenschaftlichen Begriffen ausgedrückt: Gott hat die Kontrolle über Mutation und Selektion (Psalm 139:15: Er bereitet uns im Mutterleib).

    v.26-27: Das Werden des Menschen erfordert wieder ein direktes Eingreifen Gottes: Der Mensch wird ausgerüstet mit Geist (1. Mose 2:7 -- Gott blies ihm den Geist ein), und macht ihn damit zu einem Partner Gottes. Wir Menschen können nicht nur Gott hören, sondern auch mit ihm reden; die Kommunikation wird vollständig.

    Der Mensch ist am selben Schöpfungstag geschaffen wie die höheren Tiere; materiell unterscheidet er sich nicht wesentlich vom Tier; in Bezug auf Herkunft, Körperbau und Vergänglichkeit gibt es keinen großen Unterschied:

    ''...damit Gott sie prüfe und sie sehen, daß sie selber sind wie das Vieh. ...Wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle denselben Atem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh, denn alles ist unbeständig. ... Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub.'' (Pred. 3:18-20)

    ''Alles Fleisch ist wie Gras und seine Vorzüge wie eine Blume auf dem Feld. ...Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort Gottes bleibt ewiglich.'' (Jes. 40:6-8; Psalm 90:5).

    Was den Menschen aber auszeichnet, ist der Geist, der ihn befähigt, Gottes Wort zu denken, Partner Gottes zu sein (s. unten).

    Gemäß den Ergebnissen der Paläontologie gibt es eine lange Reihe von Vormenschen. Gott gab einem von diesem, Adam, von seinem Geist, und dies hat ansteckend auf den Rest der (überlebenden) Menschheit gewirkt. Als Christen haben wir erlebt:

    Kap. 2:2-3: Gott ruht; die Welt ist vollendet. Aber die Entwicklung geht weiter, ''denn wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt'' (Römer 8:22). Eine neue Welt ist in Vorbereitung (Offb. 21:1-4); die alte ist am Vergehen.


    2. Die Größe Gottes


    Der Schöpfungsbericht ist in erster Linie nicht als naturwissenschaftliche Abhandlung konzipiert, sondern als ein Loblied auf die Größe Gottes.

    Gottes Welt ist unwahrscheinlich großartig. Ihre Schönheit und Komplexität hält die Menschen seit jeher in Atem. Gott is kreativ; er schafft unaufhörlich Neues -- auch heute noch.

    Gott handelt zielstrebig und mit Bestimmtheit: ''Wenn er spricht, so geschieht's'' (Psalm 33:9). Er hat die Macht über alles. Gott

    Und was er macht, das ist sehr gut -- auch heute noch. ''Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut'' (1. Tim. 4:4).

    Römer 8:28: ''Wir wissen, daß bei denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten dienen.'' Auch das, was böse scheint. Für Gottes Kinder zählt das Gute alles, das Leiden unter dem Bösen braucht nicht mehr ins Gewicht zu fallen (Römer 8:18). Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes (Römer 8:39).


    3. Die Bestimmung des Menschen


    v.2+3: So sieht es auch oft in unserem Inneren aus: Wir sind im Chaos, bis Gott spricht, und es licht wird.

    v.14-18: Sonne, Mond und Sterne sind uns gegeben als Weg- und Zeitweiser; ohne ''astrologische'' Macht, also nicht als Schicksalsweiser.

    v.26-28: ''als Gegenüber Gottes'' haben wir Aufgaben: seid fruchtbar vermehrt euch, macht die Erde untertan, herrscht über sie. Dies muß aber im Sinne Gottes geschehen: ''Ihr wißt, daß die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener.'' (Matth. 20:25-26)

    Kap. 2:2-3: Auch uns tut Ruhe nach der Arbeit gut.
    Wir haben die Freiheit, wann wir ruhen. Aber wenn der Betrieb der Welt (ob weltlich oder geistlich) uns so in Beschlag nimmt, daß wir nicht mehr ruhen, vergessen wir unsere Ebenbildlichkeit mit Gott und vernachlässigen seine Ordnung (2. Mose 20:9-11).

    Kap.2:15: ''bebauen und bewahren.'' Bebaut haben wir die Erde -- aber nicht unbedingt im Sinne Gottes, Im Bewahren der Schöpfung haben wir fast versagt, und dies ist eine große Herausforderung für uns.


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