Eine Gute-Nacht-Geschichte

von Arnold Neumaier (Arnold.Neumaier@univie.ac.at)


Vor einiger Zeit passierte in einem kleinen Städtchen eine ganz ungewöhnliche Geschichte. Ein kleiner Junge saß in seinem Bett und weinte. Irgendetwas hatte ihn traurig gemacht, er wußte selbst nicht mehr was, aber nun saß er da und die Tränen rannen ihm von den Backen, und er schluchzte so sehr, daß die Gegenstände in seinem Zimmer Mitleid bekamen.

Die große alte Vase am Fenster, die schon immer dastand und im Lauf der Zeit vieles mit angesehen hatte, fing ebenfalls zu weinen an, so sehr war sie berührt von der Traurigkeit des Jungen. Und dem dicken, krummen Stein, der auf dem Bücherregal als Erinnerung an die letzten Ferien eigentlich immer ein sonniges Dasein geführt hatte, wurde es ganz weich ums Herz und er fing mit leiser, sanfter Stimme zu reden an.

``Markus'' (so hieß nämlich das Kind), ``ich würde gerne mit Dir einen kleinen Ausflug machen, magst Du mit mir mitkommen?''

Der kleine Junge vergaß für einen Moment, daß er weinte, und sagte, ``Macht es denn nichts, daß ich schon im Schlafanzug bin?''

``O nein, Du kannst mitkommen, wie Du bist; wir wollen einmal etwas ganz besonderes miteinander erleben. Schau mich einfach an und laß Dich von mir in meine Welt tragen. Weißt Du, wo ich herkomme?''

``Ja, ich hab' Dich am Strand aufgelesen, weil Du so eine besondere Form hattest, irgendwie vertraut und doch einmalig. Aber wo Du herkommst, das hab' ich mir eigentlich noch nie überlegt.''

Und Markus schaute den dicken, krummen Stein mit der besonderen Form an, und wie er so schaute, kam er ins Träumen.

Und er träumte von dem Strand mit dem weichen Sand und den runden Kieseln, den lärmenden Vögeln und den plätschernden Wellen, und er ließ sich von dem Stein zurück in seine Geschichte tragen: wie dieser vor langer, langer Zeit oben an einem wellenumspülten Felsen hing, immer Angst hatte, herunterzufallen; und wie er ganz entsetzt war, als eines Tages ein paar Kletterfreunde ausgerechnet an ihm rüttelten, so daß er in die Tiefe fiel, herunter von seinem sonnigen Plätzchen.

Der dicke, krumme Stein war erstaunt, zu erleben, wie sich das Wasser, das er bisher immer nur in der Sonne glitzern sah, anfühlte, gewärmt von der Sonne; wie die Wellen mit ihm spielten, mal sanft streichelnd, mal übermütig dahinjagend. Die scharfen Kanten, die der dicke, krumme Stein zuerst hatte, rundeten sich im Lauf der Zeit.

Dann, einmal, gab es einen gewaltigen Sturm, es blitzte und donnerte, und die Wellen wurden so groß und heftig, wie er es noch nie erlebt hatte. Was für Ängste hatte er auszustehen! Und dann, dann nahmen ihn die Wellen einfach mit.

``Es war ein Chaos'', sagte der dicke, krumme Stein, ``es war so schlimm, daß ich ganz die Besinnung verlor. Und als ich wieder aufwachte, schien die Sonne, es war eine herrliche Abendstimmung, mir war warm und gemütlich. Und als ich mich umschaute, war ich eingebettet in weichen Sand, ein großer, krummer Stein inmitten von runden Kieseln, und ich hörte die Wellen plätschern und die Vögel zwitschern. Und die Sonne wurde tief rot, und als die Sonne unterging, ließ sie ihr Rot dem ganzen Himmel zurück.''

``So ist es dann viele Tage geblieben, bis Du mich gefunden hast und mit nach Hause nahmst.''

Atemlos hatte Markus zugehört, und als der Stein schließlich zu reden aufhörte, schien es, als hätte er das Rot des Sonnenuntergangs mit ins Zimmer genommen.

Und Markus war glücklich und träumte weiter, bis er schließlich einschlief.


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Trost und Vertrauen